Möge die frühe Bindung gelingen

27. Mai 2015

Der Schutz und die Förderung des Bondings unmittelbar nach der Geburt und der frühen Bindung zwischen Eltern und Kind geniesst in der Schweiz weder im gesellschaftlichen, noch im Rahmen der Familien- und Gesundheitspolitik eine besondere Priorität. Nun, wir arbeiten in und ausserhalb unserer Praxis, also auf verschiedenen Ebenen daran, dass sich dies ändert. Und die gute Nachricht ist allemal: wir sind nicht allein. Es gibt mehrere und erfreulicherweise gut besuchte Ausbildungslehrgänge zur prä- und perinatalen Psychologie, es gibt in Bern ein Projekt für ein Kompetenzzentrum für Familien und Kinder im Frühbereich, in wenigen Spitälern sind Ansätze, wenn auch noch zaghafte, zu erkennen für eine angemessene Begleitung der Eltern nach Geburt und beim Übergang vom Spitalaufenthalt zur Heimkehr.

Es gibt den spezifisch auf den Frühbereich ausgerichteten mehrjährigen Lehrgang in Emotioneller Erster Hilfe EEH und natürlich landauf, landab die wertvolle Einzelarbeit von TherapeutInnen verschiedener Richtungen. Das ist gut, das ist wichtig. Dennoch, wenn der Schein nicht trügt, sind uns einige unserer nördlichen Nachbarn einen oder gar mehrere Schritte voraus. Gerade die Emotionelle Erste Hilfe EEH, die vom Körperpsychotherapeuten Thomas Harms initiiert wurde, aber auch das SAFE-Programm des Münchner PD Dr. Karl Brisch (SAFE = Sichere Ausbildung für Eltern) sind, wenn auch bei weitem noch nicht flächendeckend, so doch vielerorts institutionell vernetzt und anerkannt. Bezeichnend dafür ist, dass vom 8.-10. Mai in Oldenburg schon zum 10. Mal eine gut besuchte Fachtagung für Primäre Prävention und Körperpsychotherapie durchgeführt werden konnte.

Oldenburg liegt von Bern aus nicht gleich am Weg, aber wir haben die Reise auf uns genommen und es nicht bereut. Nicht nur war es eine goldene Gelegenheit, liebe alte Bekannte wiederzusehen, sondern auch, um uns weiter zu vernetzen mit Menschen, die dieses Arbeitsfeld beackern, auf dass dies für die heranwachsende Generation Früchte tragen möge. Und gerade unter diesem Aspekt war insbesondere das Referat der Wirtschaftsprofessorin und Soziologin Uta Meier-Gräwe aus Giessen ein Augenöffner erster Güte. Sie hat den präventiven und therapeutischen Ansätzen, die im Verlauf der Tagung diskutiert wurden, die ökonomische und soziologische Sicht zur Seite gestellt, was es in konkreten Zahlen für die Wirtschaft, das Sozial- und Gesundheitssystem Deutschlands bedeuten kann, wenn der Start ins Leben und die frühe Bindung belastet sind. Oder wenn beides eben gut und harmonisch gelingt. Ja! Dafür schlägt unser Herz, daran arbeiten wir täglich – mit Erwachsenen, mit Kindern, mit Neugeborenen und gerne auch mit jenen, die ungeboren noch auf dem Weg sind.

Und da sind wir dann wieder nicht mehr in den Zahlen und Studien, sondern im Kontakt mit den Menschen, im Blickkontakt, im Körperkontakt, in der Kommunikation mit und ohne Worte, jedenfalls aber von Herz zu Herz.
Christoph Glauser

Ps. Übrigens: die Herzverbindung und was sie für die Herzratenvariabilität bedeutet, war auch Thema in Oldenburg – wir kommen darauf zurück, schon bald in diesem Blog.