Herzratenvariabilität

3. Juni 2015

Angetönt hatte ich es ja schon im letzten Beitrag „Möge die frühe Bindung gelingen“: die Herzverbindung war auch Thema in der 10. Fachtagung für Primäre Prävention und Körperpsychotherapie, die am 8.-10. Mai 2015 in Oldenburg stattfand, nämlich spezifisch im Abschlussreferat von Thomas Harms „Herz und Bindung – Humanistische Perspektiven der Eltern-Säugling-Körperpsychotherapie“. Ein typischer Harms-Titel, könnte man sagen: nämlich die emotionale Komponente eines Themas mit dem intellektuellen Anspruch der körperpsychotherapeutischen Forschung verbinden – der Mann hat wirklich was drauf. Und ist gewiss der brillianteste Rhetoriker, dem ich bisher begegnet bin. Zum Glück bin ich ja schon zu alt, um alles zu glauben, was man mir erzählt, aber bei Thomas Harms bin ich immer wieder nah dran. Jedenfalls: es ging um die Korrelation zwischen dem Kontakt mit dem eigenen Herz (und zwar sowohl das physische wie auch das psychische oder emotionale Herz) und der Herzratenvariabilität.

Herzratenvariabilität. Nanu? Das hätten Sie nun nicht erwartet, ja? An den Ausdruck muss man sich vielleicht auch erst mal gewöhnen. Also es geht darum: Die Herzfrequenz oder Herzrate variiert entsprechend der Belastung, der wir ausgesetzt sind, bzw. der Entspannung, die wir erleben. Dabei zeigt sich also eine höhere Anpassungsfähigkeit an Belastungen in einer größeren Variabilität der Herzfrequenz. Eine stark verringerte Variabilität der Herzrate ist also nahe verwandt mit dem rasch auftretenden Gefühl der Überforderung, wenn wir einer Belastung oder einer Herausforderung begegnen. Und hier gibts richtig Lesestoff, falls ich Sie neugierig gemacht habe. (www.hrv24.de)

Die gute Nachricht ist nun: die Herzratenvariabilität lässt sich trainieren. Und das ist übrigens nichts Neues, in der Stress-Medizin, Sport-Medizin, und manchen Ästen der Psychotherapie arbeitet man schon lange damit. Aber zugegeben, ich hatte mich zwar sehr wohl mit dem Herzen, aber noch nicht mit der Herzratenvariabilität befasst. Also erst mal ein „Aha!“. Gina Baldsiefen brauchte dafür weniger lang – während ich noch das Aha! bestaunte, hatte sie schon ein Herzratenvariabilitätsmessgerät bestellt. Dafür war ich (typisch Mann: „wie funktioniert das Ding?“) schneller mit der Inbetriebnahme. Und so sieht das nun also aus, wenn ich kurz vor Torschluss Stress mit der Steuererklärung habe:

 

HRV-1

 

 

 

 

 

 

 

 

 

und so sieht es aus, wenn ich, 20 Minuten später, mit meinem Herz in Kontakt bin, bewusst atme und mich auf eine starke Ressource (Schubert!) besinne.

HRV-2

 

 

 

 

 

 

 

Es geht jedoch dabei nicht um die Pulsfrequenz, sondern um die Kohärenz des Herzrhythmusmusters, dem eine effiziente und harmonische Zusammenarbeit des Nervensystems, der Herz-Kreislaufsystems, des Immunsystems und des Hormonsystems zugrunde liegen. Die wichtige Aussage bzw. Darstellung ist also, wie flexibel sich mein Herzrhythmus an sich verändernde Belastungsbedingungen anpassen kann.

Natürlich, dass es uns gut geht, wenn wir in Kontakt mit unserer Ressourcen sind , mit uns selbst im Reinen und mit unserer Mitwelt in Harmonie leben, ist nicht gerade revolutionär neu. Ebenso, dass es uns nicht so gut geht und mittelfristig auch körperlich krank macht, wenn Stress und Dauerbelastung nie nachlassen. Aber wie direkt sich das von Moment zu Moment in harten Fakten aufzeigen lässt, nun das regt mich natürlich schon zum Nachdenken und Reflektieren über dieses oder jenes Lebensalltagsmuster an.

Und darüber, was in meinem Körper gerade so vor sich geht. Richtig, da sind wir wieder: Körperwahrnehmung. Wer im Stillpunkt schon mit mir gearbeitet hat, erinnert sich wohl an meine Frage: und wie fühlt sich das (was Sie gerade beschrieben oder erzählt haben) in der Körperwahrnehmung an? Genau, dem gehe ich jetzt selbst wieder nach und widme mich nach der intellektuellen Schwerarbeit des Bloggens wieder meinem Herz, meiner Atmung, meinem Kontakt mit wichtigen Ressourcen. Schubert.

Christoph Glauser