Unachtsamkeit

8.8.2018

Neulich in der Berner Innenstadt an der Kreuzung Spitalgasse/Waisenhausplatz: ich bin nicht schnell unterwegs, aber auf jeden Falls zielstrebig in Richtung des nächsten Veloparkplatzes. Und dann passiert es – erst im letzten Moment sehe ich den Velofahrer von links, sehe, dass ich ihm gerade den Weg abschneide. Zwei Vollbremsungen, mit den Scheibenbremsen klappt das ja mittlerweile recht gut. Ein Schreckmoment und ganz klar: ich bin im Fehler. Ich schaue erschrocken nach links zu ihm, begegne einem kritischen Blick, einer gerunzelten Stirn, dem leicht zur Seite geneigten Kopf eines nicht mehr ganz jugendlichen Herrn. „Oh Entschuldigung!“ entfährt es mir, „ich habe Sie zu spät gesehen“. Nach dem ersten Schreck lächle ich verlegen, meine Hände machen eine Geste der Unbeholfenheit, ich zucke mit den Schultern, schüttle den Kopf. Seine Gesichtszüge entspannen sich sofort, er lächelt freundlich. „Schön, dass Sie mich noch gesehen haben“, sagt er ganz ruhig, fast gemächlich. Ich atme auf. „Ich habe zuwenig gut geschaut“, sage ich – und merke in diesem Moment, dass ich mich wiederhole und nicht nur das: innerlich lächle ich keineswegs, sondern falle gerade ziemlich unfreundlich und streng über mich her. Während er schon weit vom möglichen Vorwurf entfernt ist, sich entspannt und meine Betroffenheit anerkannt hat, bin ich stecken geblieben im Selbstvorwurf, stecken geblieben in etwas, das schon vorbei ist. „Das passiert mir manchmal auch“, sagt er gelassen und zuckt mit den Schultern. Dann ist es still, wir schauen uns für zwei, vielleicht drei Sekunden einfach an, freundlich. Ein so kurzer Moment und doch – jetzt gerade, in diesem kurzen Moment mitten im Strassengewühl sind wir wirklich in Kontakt. Ein Gefühl von totaler Präsenz, von Jetzt.  „Danke“, sage ich nur. Wir nicken uns freundlich zu, ein Lächeln, dann fährt jeder seines Weges.

 

* * *

 

Am Abend vor dem Einschlafen taucht die Szene noch einmal vor meinem inneren Auge auf. Ich bin betroffen über die Bereitschaft zur Selbstverurteilung. Und aus meiner therapeutischen und beraterischen Arbeit weiss ich: so gut wie jeden Tag habe ich Gelegenheit jemanden zu fragen: weshalb sind Sie denn gerade so streng mit sich selbst? Ich befinde mich also sozusagen in guter Gesellschaft… Es lohnt sich, darüber nachzudenken, weshalb wir oft so sprungbereit sind zum Selbstvorwurf, zur Selbstkritik, zur Selbstentwertung, unnachsichtig, streng wie sonst mit niemandem.

Mir scheint, erst mit diesen Gedanken vor dem Einschlafen werde ich wieder freundlich mit mir, verzeihe mir den kurzen Moment der Unachtsamkeit – und kann endlich wahrnehmen, wie tief mich der sekundenkurze Moment stillen Augen-Kontakts berührt hat. Wer mag er wohl sein, wie lebt er, was hat er erlebt? Ich weiss es nicht, aber ich bin dankbar für diesen Augenblick wirklicher Begegnung jenseits aller Worte. Er hätte ohne meine Unachtsamkeit nicht stattgefunden.