„bö fei von osten“

„bö fei von osten“

Es ist der 21. März 2020, es herrscht die sogenannte „Corona-Krise“. Zu beobachten ist ein globaler Herdentrieb und eine täglich abnehmende Meinungsvielfalt, bzw. eine zunehmende Anzahl Internet-basierter Scheiterhaufen, auf denen Abweichler abgeurteilt werden. Wenn Telecom-Anbieter nicht bald ihre Netze hochfahren, scheitern die digitalen Scheiterhaufen und es muss wieder Holz her. Hm, da bekommt der glückliche Umstand, dass ich direkt am Waldrand wohne, doch gleich eine etwas spezielle Note.

Neulich erhielt ich per Whatsapp folgende Nachricht:

Zitat:

 […]*  erbittet die Teilnahme jedes Einzelnen an weltweiter gleichzeitiger Meditation am 5. April um 4:45 morgens zur endgültigen Auslöschung des Corona-Virus (mitsamt der dahinter stehenden Manipulation seit 700 Jahren)! – Es sind 1 Million Meditierende gleichzeitig nötig, um diesen Effekt erreichen zu können. Wenn du dich an dieser weltweiten Meditation beteiligen möchtest, bitte Termin im Kalender eintragen (und den Wecker rechtzeitig stellen):

5. April um 4:45 früh (mitteleurop. Sommerzeit), Dauer 20 Minuten.“

Ende Zitat. Es folgt eine blumig formulierte Meditationsanleitung.

* Aus Respekt dem Menschen gegenüber lasse ich den Namen weg

 

Wow, ein ganz kleines bisschen überrascht bin ich schon über die ungewöhnliche Allianz von esoterischer Bewegung und Regierungen, Medien und sonstigen Predigern des tagesaktuellen Dogmas. Die wollen nämlich auch das Virus auslöschen. (Was es mit der 700 jährigen Manipulation auf sich hat, ist wohl nur für Eingeweihte, zu denen ich nicht gehöre, schlüssig.) Also es sollte überhaupt kein Problem sein mit der Million, die Schweiz hat rund 8 Millionen Einwohner, die wollen alle das verdammte Virus, diesen Urfeind ausserhalb von uns selbst, loswerden. Mithilfe des Lichts der Galaktischen Zentralsonne (so steht es in der Anleitung), die da draussen irgenwo leuchtet, eben ja, auch ausserhalb von uns.

Da stehen wir also – das Böse ist ausserhalb von uns, das Gute logischerweise auch. Jetzt müssen wir also gegen das Böse im Aussen kämpfen mit Hilfe des Guten im Aussen, wir müssen es Auslöschen. Gewalt und Gegengewalt. Eine klassische Täter-Opfer-Spirale. Ich meine, jetzt mal Hand aufs Herz: das Szenario mit dem Bösen und dem Guten, kennen wir das nicht irgendwoher? War es Star Wars? Oder aus der Diskussion um die Migranten? Aus dem Kampf der Aktionäre gegen eine feindliche Übernahme? Oder vielleicht aus der kostspieligen Kampfscheidung? Früher, als ich noch ins Militär und da jeweils Gefechtskarten anfertigen musste, war alles noch einfach und übersichtlich, da kam mit Sicherheit die Meldung: „bö fei von osten“ („Böser Feind rückt aus Osten vor“). Sprich: die Russen kommen. Naja, 2020 sinds halt die Chinesen.

Angst vor dem Bösen da draussen, vor dem Fremden, dem Unbekannten, dem Unkontrollierbaren, dem potentiell Übermächtigen. Auslöschen, weg damit!1) Ich wage die Frage: ist dann die Angst auch weg, auch ausgelöscht? Ist dann die Angst bewältigt? Ich würde mir nicht anmassen, mit Blick auf die Zukunft eine Prognose zu dieser Frage zu wagen, aber der Blick auf die Geschichte gibt eine eindeutige und ernüchternde Antwort: Nein.

Also:  selbst wenn ich mich jetzt mit dieser Auslöscher-Million solidarisieren würde (was ich, mit leicht besorgtem Blick zu den eingangs erwähnten Scheiterhaufen, nicht tun werde): was sollte dann nach dem Auslöschen des bösen Coronavirus die nächste Projektionsfläche für die unbewältigten Ängste sein?

Du Million, solange das Böse da draussen nie etwas mit Dir selbst zu tun hat – wen oder was willst Du als nächstes auslöschen? Und wenn als logische Konsequenz auch das Gute da draussen nie etwas mit Dir selbst zu tun hat, sondern aus irgendeiner fernen Galaxie hergepfiffen werden muss – wie kannst  Du in Deinem Leben den Spagat über dieser von Dir selbst inszenierten Spaltung aushalten: Innen und Aussen, Gut und Böse, Körper und Seele, heilig und profan, Leben und Tod?

Und Du selbst? Bist Du einfach nur ein Häuflein Angst und Elend, von äusseren Mächten in einer Art Lotterie-Kugel wehrlos und unschuldig herumgewirbelt, anscheinend ein ständiges Opfer eines übermächtigen Schicksals?

Wie wäre es also, wenn Du am  5. April um 04:45 über Deine Verbindung zu Dir selbst meditieren würdest, über Deine Angst, Deine Gewalttätigkeit, Deine Liebesfähigkeit, Deine Grösse, Deine Opferhaltung, Dein eigenes Licht und Deine selbstverantwortete Freiheit?

 

1)Siehe dazu auch: Arno Gruen: Der Fremde in uns. Verlag Klett-Cotta